Philipps geheimes Leben
24.07.2010 - 06:46
Die folgende Geschichte erzählt von einem ganz gewöhnlichen Leben unter ganz gewöhnlichen Umständen. Allerdings funktionieren die ganz gewöhnlichen Umstände nicht mehr länger in einer Welt, in der sich der energetische Rahmen so schnell verändert, dass es kaum einer wahrnehmen kann.
Philipp ist 13 Jahre alt und liebt es, Tiere zu quälen. Seine Vorliebe sind Insekten, da man sie zum einen sehr leicht fangen kann, zum anderen sind sie so klein, dass er seine Leidenschaft vor fast allen Menschen, die ihn kennen, geheimhalten kann. Die meisten Menschen, die Philipp sehen oder treffen, wissen nichts über ihn. Sein ganzes Leben ist ein Geheimnis.
Philipp erweckt den Eindruck eines wohlerzogenen und generell ruhigen Jungen. Was jedoch fast keiner realisiert, ist, dass Philipp eine Zeitbombe mit einer kurzen Zündschnur ist. Wenn keiner etwas unternimmt, wird Philipp innerhalb einer Woche Amok laufen. Wenn er das tut, wird seine innere, geheim gehaltene Gewalt zum Vorschein kommen. Er könnte dann jemanden umbringen.
Irgendeiner sollte besser anfangen, Philipp innerhalb der nächsten Tage zu verstehen und ihm die Liebe zu geben, die er nie bekommen hat. Philipp lebt bei seiner Mutter. Sein Vater wohnt weit weg und besucht ihn alle paar Wochen für einige Stunden. Seine Eltern waren nie verheiratet und lebten nur eine kurze Zeit zusammen. Es war keine Liebesbeziehung. Sie fühlten sich kurzzeitig zueinander hingezogen, als sie Philipp zeugten. Danach entdeckten sie, dass sie einander nicht ertragen können.
Das Problem war Philipp. Er war keine Illusion. Der Bauch seiner Mutter war neun Monate zuvor angeschwollen, bevor er dann auf die Welt kam. Seine Mutter lächelte dem Rest der Welt zu und erzählte jedem, wie glücklich sie sei, schwanger zu sein. Innerlich war sie jedoch überhaupt nicht glücklich, und das war die wichtigste Botschaft, die Philipp in ihrem Bauch vermittelt bekam. Er war nicht gewollt. Sie hasste ihn dafür, dass er ihren Bauch wieder anschwellen liess. Sie war schon etwas älter, geschieden und hatte bereits zwei Kinder. Sie wollte keine weiteren Kinder. Diese Botschaft erhielt Philipp laut und deutlich in ihrem Bauch.
Philipp lernte bereits im Mutterleib die Lebensstrategie seiner Mutter. Sie lächelte dem Rest der Welt zu und gab vor, dass ihr Leben völlig in Ordnung sei und sie mit fast allem zufrieden sei. Sie hasste das, was mit ihr geschehen war. Aus ihrer Perspektive war Philipp „das, was ihr geschehen war“. Aber nur wenige Menschen erkannten ihren Hass. Das war ihr geheimes Leben.
Philipps Mutter hat sich nie wahrhaftig für ihn interessiert. Sie spielte die Rolle der „guten Mutter“ gegenüber dem Rest der Welt und setzte Philipp vor den Fernseher, wenn er sie störte oder nervte. Auch Philipps Vater zeigte nie viel Interesse an ihm. Nur wenn er ihn besucht, gibt er vor, an Philipp interessiert zu sein. Jedes Mal, wenn er kommt, bringt er ihm ein Geschenk mit. „Billiges und wertloses Zeug“, denkt Philipp, wenn ihm sein Vater diese übergibt. „Warum kümmern sie sich nicht um mich?“
Philipp verhält sich wie seine Mutter. Er lächelt gegenüber dem Rest der Welt und spielt die Rolle des Zufriedenen. Innerlich hasst er sein Leben, genau wie seine Mutter. Er will die Welt zerstören, so sehr hasst er sie. Philipp hat Tagträume während des Unterrichts in der Schule. Seine Tagträume sind voller Waffen. Manchmal träumt er davon, einen Raketenwerfer zu besitzen, um die Stadt, in der er lebt, mit Raketen zu zerstören. Dann wieder träumt er von Maschinengewehren, und er befindet sich in einem Einkaufszentrum, wo er Hunderte von Menschen niedermäht. Häufiger sind es Star Wars Waffen, mit denen er sogar noch mehr Menschen umbringen kann. Philipp ist ein Star Wars Fan. Das ist kein Geheimnis.
Keiner weiss etwas über Philipps Tagträume. Er hat niemals jemandem davon erzählt. Hier liegt das Problem. Innerhalb der nächsten Tage werden sich viele der Blockaden zwischen der äusseren Welt des Lächelns und der inneren Welt der Gewalt auflösen. Unsere Welt verändert sich.
Wenn Philipp nicht die Liebe bekommt, die er in dem Moment braucht, wo die Gewalt an die Oberfläche kommt, wird die Möglichkeit, dass er die Dinge nach aussen bringt, enorm hoch sein. Die Psychologen werden sagen, er hat seine Innenwelt nach aussen projiziert. Das werden sie sagen, wenn die Zeitungen eine „Experten-Meinung“ brauchen, um das Verhalten des Jungen zu erklären, nachdem er so viele Menschen im Einkaufszentrum umgebracht hat.
Philipp ist ein ganz gewöhnlicher Junge unter ganz gewöhnlichen Umständen in unserer Gesellschaft. Aber in unserer Gesellschaft ist ein Grossteil dessen, was als „gewöhnlich“ gilt, nicht natürlich. Es ist nicht naturbedingt für eine Mutter, ihr Leben zu hassen, so wie Philipps Mutter es tut. Es ist auch nicht naturbedingt für einen kleinen Jungen, so gewaltsam zu sein, wie Philipp es insgeheim ist.
Liebe ist hier die Lösung. Wer hört überhaupt zu? Wer hört wahrhaftig unseren Kindern zu?
Andrew Terker
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