„Papas besonderes Mädchen“
26.07.2010 - 10:48
Diese Geschichte handelt von einem weiteren, sehr „normalen“ Leben unter „normalen“ gesellschaftlichen Umständen. Sie erzählt, wie Kinder in unserer Gesellschaft heranwachsen, um später Kinder in einem erwachsenen Körper zu sein. Fast jeder Erwachsene auf diesem Planeten befindet sich in diesem Zustand.

Claudia hat ein Geheimnis: Sie ist „Papas besonderes Mädchen“. Ihr Vater sagte ihr, dass sie dieses Geheimnis niemals mit jemandem teilen solle. Er sagte ihr auch, dass sie eine sehr besondere Beziehung miteinander hätten. Claudia ist 13 Jahre alt. Wenn sie älter ist, wird sie mehr als nur Therapie brauchen, um ihre verlorene Kindheit zu heilen.
Claudia wird aussergewöhnliche Hilfe benötigen - Hilfe, die über das Fachwissen hinausgeht. Viele relativ qualifizierte Therapeuten könnten leicht getäuscht werden, wenn sie ihnen ihr Geheimnis enthüllt. Denn sie könnten recht schnell zu dem Schluss kommen, dass Claudia sexuell missbraucht worden ist. Sie ist es nicht, wenngleich sie viele der Symptome hat. Der Ausdruck „Papas besonderes Mädchen“ würde die meisten Therapeuten dazu veranlassen zu glauben, dass sie so missbraucht worden ist.
Claudia wurde von ihrem Vater missbraucht, allerdings nicht physisch. Ihre Mutter hat die Familie verlassen, als Claudia drei Jahre alt war. Ihr Vater hatte viele Probleme mit Frauen. Er war nicht in der Lage, eine Beziehung aufrecht zu erhalten, egal ob über einen kurzen oder langen Zeitraum. Er war derartig bedürftig, dass keine Frau jemals seine Bedürfnisse stillen konnte. Daher ging jede Beziehung, die er einging, in die Brüche. Die Ehe mit Claudias Mutter war seine letzte Beziehung mit einer erwachsenen Frau.
Claudias Vater war sich seiner Bedürfnisse bewusst. Er achtete sehr darauf, Claudia physisch nicht zu berühren. Aber er missbrauchte sie auf einer sehr tiefen Ebene, indem er sie schon als sehr kleines Mädchen zu seiner Ersatzfrau machte. Er behandelte Claudia wie eine Erwachsene. Sie kannte Geheimnisse, die sie als Kind niemals hätte wissen sollen. Jeden Tag holte er sie nach der Arbeit von der Kindertagesstätte ab und erzählte ihr von seinen Erlebnissen des Tages. Er tat dies aus der Perspektive eines Erwachsenen. Er respektierte niemals die Tatsache, dass Claudia noch ein Kind war und dementsprechend auch wie ein Kind behandelt werden musste.
Claudias Vater hatte in der Tat eine sehr besondere Beziehung mit ihr: Claudia konnte nicht weglaufen, so wie es alle seine früheren Partnerinnen getan hatten. Sie war seine Tochter und hatte keinen anderen Platz, an den sie gehen konnte. Gleichzeitig war sie jedoch auch seine Partnerin, da er sie wie eine Partnerin behandelte, und nicht wie das Kind, das sie in Wirklichkeit war. Auf diese Weise beraubte er sie ihrer Kindheit.
In unserer Gesellschaft ist Claudia ein ziemlich normaler Teenager. Ein Grossteil der Kinder lebt in zerrütteten Familien. Die Scheidungsrate in unserer Gesellschaft ist ausgesprochen hoch, da Menschen, die zwar wie Erwachsene aussehen, in Wirklichkeit keine wahren Erwachsenen sind. Sie sind vielmehr Kinder in erwachsenen Körpern.
Fast alle Menschen auf diesem Planeten sind Kinder. Nicht jeder ist so verletzt wie Claudia. Dennoch ist ein aussergewöhnlich hoher Prozentsatz der Weltbevölkerung sogar noch mehr verletzt als Claudia.
Wie gehen wir mit den Verletzungen um?
Inzwischen haben Sie sicherlich festgestellt, dass es in Ihnen sehr viele Stimmen gibt. Fast jeder Mensch auf unserem Planeten trägt diese Stimmen in sich. Sie sagen uns, was wir tun sollen und was nicht. Die meiste Zeit über sind diese Stimmen jedoch widersprüchlich.
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Restaurant und studieren die Speisekarte, um Ihr Essen auszuwählen. Sie werden viele verschiedene, miteinander konkurrierende Stimmen hören. Die eine Stimme wird ihnen sagen, Sie sollen Fleisch essen, die andere wird Sie darauf aufmerksam machen, dass Fleisch ungesund ist. Wieder eine andere wird Sie an Ihr Körpergewicht erinnern, und schliesslich wird noch eine andere Stimme sagen, Sie sollen sich keine Gedanken machen und einfach nur geniessen.
Diese Stimmen sind kompensierende Anteile Ihres Selbst. Das bedeutet, sie „füllen die Löcher in Ihnen“, sprich sie fungieren als Ersatz für die „Plätze“ in Ihnen, an denen Sie kein Erwachsener sind. Ein wahrer Erwachsener braucht diese Stimmen nicht. In einem wahren Erwachsenen gibt es nur eine Stimme: die Seele.
Das Problem auf unserem Planeten ist jedoch, dass es hier fast keine Erwachsenen gibt. Claudia ist keine Ausnahme. Fast jeder Mensch hat ausgesprochen grosse Löcher, wo er oder sie kein Erwachsener ist. Wo immer es Löcher gibt, werden sie durch die Stimmen gefüllt.
Wer oder was sind diese Stimmen?
Wir könnten sie ganz einfach „Ersatzstimmen“ nennen, denn sie dienen als Ersatz da, wo wir nicht ganz sind. Häufig sind es die Stimmen von echten Personen.
Erinnern Sie sich noch, wie Sie Autofahren gelernt haben? Wie können Sie sich merken, den richtigen Abstand zum Auto vor Ihnen einzuhalten? Möglicherweise überrascht es Sie zu erfahren, dass es in der Regel der Fahrlehrer ist, der in Sie „reinkommt“ und Sie daran erinnert, Abstand zu halten, wenn Sie zu nah auffahren - selbst wenn Ihr Fahrunterricht schon 40 Jahre zurück liegt. Das ist die Art und Weise, wie Menschen „erwachsen werden“ und wie sie leben.
Wir kreieren buchstäblich Stimmen in uns selbst, und zwar da, wo wir nicht ganz sind.
Wir benutzen unseren Fahrlehrer, der uns an das korrekte Fahren erinnern soll. Ein Abbild der Stimme des Fahrlehrers existiert demzufolge in unserem Bewusstsein, um uns zu sagen, wie wir fahren sollen. Unser Englischlehrer erinnert uns beispielsweise daran, beim Schreiben keine Fehler zu machen, und unsere Eltern sagen uns, wie wir essen sollen.
Selbst im hohen Alter, auch wenn der Fahrlehrer längst gestorben ist, ist er immer noch da.
Claudia hört ihren Vater überall, wo sie hingeht. Wenn sie älter wird, wird sie sehr viele Defizite haben. Genau wie ihr Vater, wird sie unfähig sein, Beziehungen einzugehen, wenngleich auf eine ganz andere Art und Weise. Alles was sie weiss und kennt, ist, wie man die Rolle des „Beichtvaters“ eines anderen Erwachsenen spielt. Sie wird erwarten, dass jeder Mann ihr von allen seinen Problemen erzählt, und vielleicht wird sie ihnen sogar Lösungen vorschlagen. Aber sie hat nichts anderes im Repertoire. Männer werden folglich im Umgang mit ihr sehr frustriert sein, weil sie nur einen Teil von ihr erleben und dieser Teil nicht echt ist. Sie war immer nur Papas Ersatzfrau. Ersatzpersonen sind keine echten Personen.
Wenn Claudia heranwächst, wird sie sehr viel Zeit damit verbringen, Filme zu schauen. Sie wird diese Filme brauchen, um Vorbilder für alle die Anteile in sich selbst zu finden, die nicht da sind. Sie wird nach einer Mutterfigur suchen, um die Mutter, die sie nie hatte, zu ersetzen. Aber sie wird auch nach Vorbildern für eine erwachsene Frau suchen, um die Anteile, die ihr als Erwachsene fehlen, zu ersetzen. Wo immer sie einen Teil von einer erwachsenen Frau auswählt, den sie aus dem Film besonders mag, wird dieser zu einem neuen Teil ihres Bewusstseins werden.
Einige Menschen wählen Politiker oder Sportler als neuen Teil ihres Bewusstseins. Auf diese Art und Weise bauen Menschen ihre Persönlichkeit auf. Das Problem ist jedoch, dass diese Personen nicht echt sind. Die Gesellschaft der Erwachsenen ist ein sehr trauriger Platz, da fast nichts echt ist.
Die Lösung wäre die Seele. Aber fast keiner weiss irgend etwas über die Seele. Fast jeder sucht verzweifelt nach sich selbst, ohne zu wissen, dass die verzweifelte Suche in Wirklichkeit die Suche nach der eigenen Seele ist.
Es ist nicht nur sehr traurig, dass es fast keine Erwachsenen auf unserem Planeten gibt, sondern auch sehr gefährlich.
Tony Hayward wird gerade von BP entlassen. Er ist für die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko verantwortlich. Tony Hayward ist ein Kind in einem erwachsenen Körper, genau wie die meisten anderen Menschen auf der Erde. Er realisiert nicht wirklich, was er getan hat. Aufgrund seiner Verletzungen aus der Kindheit, ist er emotional bestens vor den Auswirkungen seiner Handlungen „geschützt“.
Nur Kinder in erwachsenen Körpern können das tun, was Tony Hayward getan hat. Nur Kinder können einen Vertrag mit Gaddafi aushandeln, um noch mehr Ölbohrungen im Mittelmeer vorzunehmen, so wie BP das getan hat. Kinder kennen die Konsequenzen ihrer Handlungen nicht. Erwachsene hingegen schon.
Erwachsene kennen die Seele nicht.
Denn wenn sich ihre Seele in ihrem Körper befinden würde, gäbe es nicht die vielen Stimmen, die ihnen sagen, was sie zu tun haben. Dann wären sie ganz.
Claudia braucht dringend ihre Seele. Sie wurde ihr geraubt, als sie zu „Papas besonderem Mädchen“ gemacht wurde. Keine Therapie wird ihr jemals ihre Seele zurückgeben, ganz egal wie viele sie davon macht. Sie muss etwas Neues lernen, genau wie der Rest der Menschheit. Sie muss lernen, wie sie ihre Seele wieder zurückbekommt.
Andrew Terker
Möchten Sie uns kennen lernen? Dann nehmen Sie mit uns Kontakt auf.
Kontakt
theonesoul suisse sa
Tel.: 0041-(0)55 534 56 70
Fax: 0041-(0)55 534 56 81
E-Mail: Anfrage stellen