Der Geist des schwarzen Jaguars

03.03.2010 - 06:17

Das Tier lief immer tiefer und tiefer in den Urwald hinein. Die Zivilisation war derartig weit vorgedrungen, dass seine Existenz ernsthaft bedroht war. Sein schwarzes Fell glänzte im Mondlicht. Nur in der Dunkelheit der Nacht fühlte es sich sicher genug, um sich zu bewegen. Die hellhäutigen Menschen nennen dieses seltene Tier „schwarzer Jaguar“. Auf dem schmalen Landstreifen zwischen den zwei Kontinenten gibt es nur noch wenige Tiere dieser Spezies. Sie leben in den dunklen Tiefen des Urwaldes – dort, wo das Tageslicht kaum eindringen kann. Der schwarze Jaguar wusste, dass er erlegt werden würde, wenn er sich den hellhäutigen Menschen, die in immer grösseren Scharen auftauchten, zeigen würde. Sie waren gekommen, um Bäume und Unterholz für ihre Städte und Plantagen zu roden. Ihre Gier nach ein paar Münzen – dem Erlös für ein schwarzes Fell – war riesig. Sie wussten wenig über den schwarzen Jaguar, den „Träger des Geheimnisses unseres Universums“. Sie wussten nicht, dass er ihnen dieses Geheimnis offenbaren würde, falls sie bereit wären, sich Zeit zu nehmen und zu hören, was sie nicht hören wollten.

Welches Geheimnis wollte der schwarze Jaguar den Menschen vermitteln? Sein Herz schlägt im selben Takt wie der Puls des Universums. Die hellhäutigen Menschen fürchten sich vor der Wildheit und der Dunkelheit dieses Tieres. Daher waren sie der Meinung, es sei besser und sicherer, all diese Tiere zu töten. Sie wussten sehr wenig über die Natur der Dinge, sie wussten nicht, dass sie sich selbst zerstören würden, wenn sie die Tiere töteten. Die hellhäutigen Menschen konnten sich nicht vorstellen, wie anders der Geist des Jaguars war, da sie ihre eigene Seele vor langer Zeit verloren hatten. Der schwarze Jaguar besass keinen Namen, auch hatte er kein Bedürfnis danach. Für ihn gab es keine persönliche Identität. Er war nur der, der er war. Er jagte nur um zu essen, niemals tötete er mehr als notwendig. Nur die hellhäutigen Menschen taten dies in ihrer endlosen Gier. Dabei wussten sie nicht, dass es etwas ganz anderes war, wonach sie sich unersättlich sehnten - nämlich nach dem Geheimnis, das der Jaguar in sich trug.

Hellhäutige Menschen hatten Angst vor der Dunkelheit. Sobald die Sonne unterging, sehnten sie sich nach Licht. Daher erfanden sie das künstliche Licht - das Licht, das einen endlosen Bedarf an schwarzem Rohöl, dem sogenannten Erdöl, erforderte. Dieses schwarze Öl musste von weither importiert werden, und es kostete Geld. So wurden die hellhäutigen Menschen zu Sklaven. Sie wurden zu Sklaven ihrer eigenen unaufhörlichen Begierde nach mehr – einer Begierde, die getrieben war von masslosem und sinnlosem Wachstum.

Der Jaguar sehnte sich nach der Dunkelheit – sie war sein zuhause. Für ihn war die Dunkelheit ebenso normal und natürlich wie das Licht. Sie hielt keine Geheimnisse für ihn parat. Sein Geist war überall zuhause und in keinerlei Weise auf seinen Körper limitiert – im Gegenteil, er war verbunden mit jedem Geist eines jeden Jaguars, der jemals gelebt hatte und noch leben wird. Für ihn gab es keinen Unterschied zwischen seinen Vorfahren und seinen Nachkommen – sie waren alle eins. Er wusste, dass er anders war als die Bäume, die ihm einen sicheren Unterschlupf vor den Menschen boten. Und dennoch fühlte er sich mit den Bäumen eins. Auch sie hatten einen Geist – dieser Geist war verbunden mit seinem Geist. Dieser Geist kannte weder Zeit, noch war er limitiert auf irgendeinen Körper oder Ort.

Fürchtete sich der Jaguar vor seinem Untergang? Nein, da er wusste, dass sein Geist ewig leben würde. Er empfand ähnlich wie jene dunkelhäutigen Menschen, die viele Monde zuvor im Urwald gewohnt hatten. Sie lebten sehr viel mehr in Einheit mit dem einen Geist, der das Land beherrscht hatte. Sie kannten den Geist, seine Zyklen und seine Gesetze. Sie wussten auch, dass es für alles eine bestimmte Zeit gab und nur eine Sache zu einem bestimmten Zeitpunkt möglich war. Darüber hinaus war ihnen bewusst, dass dieser Geist für jedes Lebewesen im Urwald einen ganz bestimmten Plan hatte, auf den jeder sein Leben abstimmen musste.

Eines Tages verschwanden die dunkelhäutigen Menschen, zusammen mit ihren Göttern. Sie wurden ersetzt von Menschen mit heller Haut. Die Hellhäutigen fürchteten sich vor der Dunkelheit des Urwaldes und suchten daher die Helligkeit der Waldlichtungen, wo sie ihre Orte und Plantagen entstehen liessen. Sie hatten kein Wissen über den Geist, der über den Urwald herrschte. Selbst wenn sie davon gewusst hätten, hätten sie ihn töten wollen , da sie generell alles töteten, was sie nicht verstehen oder kontrollieren konnten. Die Habgierigen unter den hellhäutigen Menschen behaupteten, Wissen über einen fremden Gott zu besitzen. Aber es handelte sich um einen Gott, den keiner jemals erlebt hatte. Dieser Gott stand über ihnen; sie konnten ihn weder sehen noch fühlen. Er war nicht wie der Geist des Urwaldes, den die dunkelhäutigen Menschen in jedem Augenblick ihres Lebens gespürt hatten.

Dieser Gott war ganz anders. Er war nicht eins mit dem Land. Er wollte, dass das Land zerstört wird! Dieser Gott war niemals zufrieden, er war unersättlich. Ständig forderte er mehr und machte die hellhäutigen Menschen ebenfalls durstig und gierig nach mehr. Die Hellhäutigen dürsteten nach der Flüssigkeit, die brannte. Sie schienen diese Flüssigkeit zu brauchen, um Brennstoff daraus zu machen – Brennstoff, mit dem sie noch mehr zerstören konnten. Diese Flüssigkeit machte sie wahnsinnig und sorgte dafür, dass sie ihre Seele verloren.

Der schwarze Jaguar hatte eine Seele – genauso wie die dunkelhäutigen Menschen, die mit ihren Göttern verschwunden waren. Er wusste, dass er im Einklang mit dem Puls des Universums pulsierte und atmete. Er wusste zudem, dass dieser Puls zugleich der Rhythmus des Erdkerns und aller Planeten war. Die Dunkelhäutigen wussten das auch. Aber sie waren nicht mehr da. Nur der schwarze Jaguar war noch da, versteckt im tiefsten Urwald.

Es ist jetzt Zeit für die hellhäutigen Menschen, den schwarzen Jaguar kennenzulernen. Sie brauchen dafür nicht in den Urwald zu gehen. Seinen Geist finden sie überall, da er auch der Geist der dunkelhäutigen Menschen ist. Jeder sollte das Geheimnis des Jaguars kennenlernen: Es ist tief verborgen in jedem Herzen zu finden.

Andrew Terker

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